Die Evolution der MIDI-Bläser

Eines vorweg: Die Analog- und FM-Ära blende ich hier bewusst aus – das erste halbwegs ernst zu nehmende, d.h. authentische MIDI-Gebläse, bei dem man die Instrumente nicht mehr raten musste, gab es erst mit der Sampling-Technologie. Für Menschen ohne Profi-Ambitionen hieß das damals: Kaufe eine „Creative Labs SoundBlaster Live!“, und die gab es laut Wikipedia-Artikel ab August 1998. Auf meinem Original-Karton (s.o.) klebt ein Preisschild, das „399“ ausweist, und wenn das der Preis war, dann sicherlich noch in der Einheit DM.

Dafür gab es aber auch volle 8 MB Sample-RAM, gemeinsam verwendet für alle 128 GM-Instrumente und die 5 oder 6 enthaltenen vollständigen Drum- und Percussion-Kits. Dafür bekäme man heute bestenfalls eine Kick, eine Snare und ein kurzes Splash-Becken, wenn man sich ein bisschen anstrengt. Trotzdem war das sehr beachtlich und ein völlig neues Klangerlebnis, nach dem 8bit-Gepiepse vorher. Ich weiß noch, dass ich damals den folgenden Satz gesagt habe: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass man für Home-Recording jemals mehr braucht als diese Soundkarte.“ Jaja, irgendwann wird jeder Staat einen eigenen Rechner haben, und jede Stadt ein eigenes Telefon.

Wie klingt’s denn nun?

Drums, Bässe, E-Pianos und einige der Synth-Sounds/-Flächen klangen auch solo sehr ordentlich, insbesondere wenn man sie in Hall tauchte. Zu dieser Zeit habe ich angefangen, Hunderte und Tausende MIDI-Dateien aus dem Internet zu sammeln, die ich rauf- und runtergehört und mich über das gefreut habe, was plötzlich möglich war. Außerdem erlaubten die ersten Sequencer (hier: Cakewalk, Cubase VST) detaillierte Einblicke in die Machart der Songs und in die CC-Tricks der Ersteller.

Schämen musste man sich aber regelmäßig für die Brass-Sounds. Während die grundsätzlichen Timbres und die Attack-Phasen häufig – den Umständen entsprechend – gut abgebildet wurden, war der Ton an sich dann meist leblos, sobald die Loop-Phase erreicht war. Aber: Wir hatten ja sonst nichts.

In den folgenden Beispielen wird ein und dieselbe MIDI-Spur der Reihe nach von Tenor-Saxophon, Trumpete und Posaune gespielt. EQ und Kompression kommen nicht zum Einsatz, nur ein Faltungshall, um das Ganze etwas gefälliger klingen zu lassen.

[1] SoundBlaster Live!

Die SoundBlaster Live! ist hier seit Jahren nicht mehr im Einsatz, aber der 8 MB große SoundFont (*.sf2) ließ sich problemlos in das Format des Logic-Samplers EXS24 konvertieren, und damit standen alle Instrumente und Kits auch innerhalb von Logic Pro zur Verfügung.

 

[2] Sampletank 3, Miroslav Philharmonik

Bei diesem Soundbeispiel muss fairerweise erwähnt werden, dass nur das Saxophon aus der Sampletank-Bibliothek stammt, während Trompete und Posaune Instrumente aus der ersten Ausgabe von Miroslav Philharmonik sind und damit eher „klassisch“ klingen.

 

[3] Yamaha MOTIF XF / MOXF

Kommen wir zu Instrumenten aus Hardware-Synths, hier aus einem Yamaha MOXF, der dieselbe Sound-Engine wie der Motif XF besitzt. Obwohl auch „nur“ mit 768 MB Sample-ROM ausgestattet, war offenbar noch ausreichend Platz für zusätzlichen Realismus, z.B. bei den Anblasgeräuschen des Saxophons.

[4] Logic Pro 10.4

Bisher gab es bei Logic große Lücken im Bereich „Pop-Brass“, und das, was vorhanden war, klang sehr mäßig. Das änderte sich mit der Version 10.4, die neben „Studio-Brass“ auch „Studio-Strings“ mitbrachte. Jedes Instrument aus diesen beiden Reihen beinhaltet zahlreiche, sehr authentisch klingende Artikulationen. Ich habe keine Vergleichsmöglichkeiten mit externen, „teuren“ Brass-Bibliotheken von Drittherstellern, aber dieses erneut kostenlose Update setzt neue Maßstäbe. Wenn man dann noch berücksichtigt, dass das komplette Logic-Paket mit Dutzenden GB an Soundfutter etwa soviel kostet wie damals die SoundBlaster-Karte …

 

Zum Schluss noch ein kurzes Beispiel eines vollständigen Big Band-Satzes mit 2 Alt-, 2 Tenor-, 1 Bariton-Saxophon und jeweils 4 Trompeten und Posaunen. Mit Finetuning kann man hier sicherlich noch mehr herausholen, aber für einen ersten Eindruck sollte es ausreichen („Take the A-Train“, Duke Ellington, MIDI-Version vom Anfang des Jahrtausends, Ersteller unbekannt):

 

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